Sport-Welt: Auf einen Kaffe mit Christian Freiherr von der Recke 

Sport-Welt Interview von Peter Scheid ...

"Mit Platzpatronen gehe ich nicht auf die große Jagd"

Gleich zwei Zufälle waren es, die dazu führten, dass für "auf einen Kaffee mit Christian Freiherr von der Recke" das Brenners Park Hotel in Baden-Baden der Ort des Treffens wurde. Am ersten Meetingstag hatten wir uns auf dem Iffezheimer Hippodrom verabredet, doch kam ein plötzlicher TV-Auftritt des Freiherrn bei Burda-TV dazwischen. Werbung für den Rennsport auf dieser Ebene, das geht nun mal immer vor. Die Alternative war dann schnell gefunden. Christian von der Recke und der Autor besaßen eine Einladung am Sonntagmorgen für die traditionelle Vernissage von Pferdemaler Klaus Philipp im weltberühmten Brenners Park Hotel. Somit war klar, dort treffen wir uns für unser Gespräch. Sonntagmorgen, kurz vor elf Uhr. Das "Brenners", bestes Haus in Baden-Baden, eine der besten Adressen in Europa. Nach der Laudatio von Professor Dr. Bernhard von Schubert und der Begrüßung des Meisters, zahlreichen Small Talks und vor allem dem Blick auf die Werke von Klaus Philipp können wir uns für das Gespräch etwas zurückziehen.

Derby-Jahrgang ist krass ausgefallen

Wer auf insgesamt 16 Championate – vier auf der Flachen, zwölf im Hindernissport – als Trainer kommt, wer am Samstag bei Burda-TV den deutschen Galopprennsport repräsentiert, das zweite Rennen am ersten Meetingstag gewinnt und vor wenigen Wochen noch einen Gruppe-Sieger sattelte, der, so meint man, müsste aktuell ganz oben stehen. So richtig "in" sein. Der Alltag sieht anders aus. Christian Freiherr von der Recke, der über Jahre ein Garant für Sieger en masse war, dümpelt in der Statistik im soliden Mitteltreffen dahin, ist mit 20 Saisonsiegen nicht unter den Top Ten vertreten. Doch wir bleiben zunächst noch bei der Vernissage. Ich frage den Freiherrn, ob auch er ein Bild von Klaus Philipp habe. "Ich kenne ihn schon so lange, da kommt man nicht davon weg, dass er dir eins aufs Auge drückt", meint Christian von der Recke, ergänzt aber schnell, dass es ein Bild von der Grand National und sehr, sehr schön sei. Wie teuer war es? "Nicht zu teuer." Sehr aussagekräftig ist das nicht, doch ergänzt er: "Man bezahlt ein Papier und erhält dafür Papier. Ein Bild ist eigentlich wie ein Pferd. Es ist in der Wertschätzung auch vor allem persönlich zu ermitteln. Wer keine Beziehung zum Hindernissport hat, der kauft kein Bild aus dem Hindernissport. Und wer noch nie in St. Moritz war, der wird auch nicht Klaus Philipps Bild mit der St. Moritz-Impression kaufen."

Wir kommen zum eigentlichen Thema unseres Treffens. "Im Moment läuft es doch gut im Recke-Quartier", stimme ich mal positiv ein. Er bejaht, kommt dann aber schnell auf den Punkt, warum die Saison längst nicht so läuft, wie man es ansonsten von diesem Stall aus Weilerswist in der Voreifel gewohnt ist. "Die Stallstruktur sieht so aus, dass ein Drittel der Pferde drei Jahre alt sind. Von rund 60 Pferden sind dies 20. Bis auf Eric im Krefelder Gruppe-Rennen konnte kein einziger aus dem Derby-Jahrgang ein Rennen gewinnen. Dass somit die Bilanz nicht stimmen kann, leuchtet wohl ein." Warum sind die Dreijährigen in der Breite qualitativ so schlecht? "Wie soll man das wissen", ist, eigentlich auch nachvollziehbar, nur die knappe Antwort. "Ich habe mehr und mehr gemerkt, dass zahlreiche Dreijährige noch nicht einmal die unteren GAG-Marken können. So haben wir uns bereits von vielen Dreijährigen getrennt. Allein acht Pferde auf der July Sales in Newmarket." Wer kauft solche Pferde? "Die gehen in exotische Länder oder kleinere Hindernistrainer, die versuchen mit denen ihr Glück."

"Kann nicht weiter als Harzburg fahren"

Christian von der Recke lehnt sich kurz zurück. "Es ist ja nicht so, dass früher alle Dreijährigen wesentlich besser waren. Da waren auch immer zahlreiche darunter, die über bescheidenes Talent verfügten. Mit denen bin ich aber dann nach Bad Harzburg gefahren, wo sie dort dann auch Rennen gewonnen haben. Aber das hat jetzt noch nicht einmal mehr geklappt, und weiter als Bad Harzburg kann ich nicht fahren." Leuchtet ein. Und einspringen? "Ich kann Pferde nur einspringen und befreundeten Trainern oder Kunden anbieten, wenn eine gewisse Grundklasse vorhanden ist. Das gilt allerdings auch für ältere Pferde. So wie z. B. zuletzt bei Global Thrill. Es wird schon zurückgefragt, ob das angebotene Pferd irgendwann mal einen Steinwurf vom Sieger entfernt war. Bei den meisten Dreijährigen war dies in diesem Jahr leider nicht der Fall." Mit welcher Motivation kommt man da am frühen Morgen, wenn der Hahn in der Voreifel kräht, überhaupt noch aus dem Bett? "Zum Glück habe ich noch einen Eric im Stall und andererseits erkannt, dass der jetzige Zweijährigen-Jahrgang ganz anders ausgefallen ist. Er besitzt eine deutlich höhere Qualität", so der 16-fache Championtrainer. Was sich auch rein statistisch belegen lässt. Ohne Ausnahme haben die in diesem Jahr von Christian von der Recke aufgebotenen Zweijährigen gewonnen oder sind in die Platzierung gelaufen. Sieger ist mit Eastsite One der Halbbruder von Eric, der wie sein großer Bruder in Bad Doberan gegen Magic Moments aus dem Wöhler-Stall gewann. Drängt sich die Frage auf, ist er so gut wie sein Bruder? "Er ist auf jeden Fall ähnlich talentiert, zudem ein ganz anderer Typ. Auch größer, doch misst Eric lediglich 1,56 Meter, somit ist das kein Kunststück." Wie Eric soll Eastsite One demnächst im Iffezheimer Auktionsrennen in die Fußstapfen des vor wenigen Wochen in Krefeld auf Gruppe-Ebene siegreichen Derby-Vierten Eric treten. Erneut wird Sabrina Wandt im Sattel sitzen, das steht jetzt schon fest. "Wenn man bedenkt, dass Eastsite Ones Vater Mamool nicht der klassische Hengst für zweijährige Pferde ist und sein Sohn nun auf Anhieb gewonnen hat, dann ist dies für die Zukunft des Hengstes wohl keine schlechte Perspektive", ergänzt der Coach aus Weilerswist.

Pferdebesitz muss wieder "in" sein

Die Erfolge und der Aufwärtstrend sind nicht von der Hand zu weisen. Rechnet Christian von der Recke nun damit, dass im Herbst auch wieder mehr Pferde in den Stall einrücken werden? "Es kommt, wie es kommt. Was mich nur etwas ratlos und auch enttäuscht macht, ist die Tatsache, dass langjährige Besitzer auf einmal einen anderen Trainer bevorzugen, obschon man gute Arbeit geleistet hat." Dass in Weilerswist aktuell 60 Pferde in Training sind, wo früher 100 standen, hat nach Meinung von Christian von der Recke mehrere Gründe. Und es ist auch kein Einzelfall. "Der Pferdebestand ist um rund 1500 Pferde geringer als zu deutlich besseren Zeiten. Keine Statistik aber gibt es, wie viel weniger Besitzer heutzutage eingetragen sind als früher. Gerade auch in meiner Besitzerstruktur ist es doch so, dass aus Ableben oder Altersgründen viele nicht mehr dabei sind. In dem Maße, wie sie wegfallen, sind keine neuen hinzugekommen. Das gilt, wie erwähnt, natürlich nicht nur für mein Quartier. Aber da muss man offensiv ansetzen, es muss wieder "in" sein, ein Rennpferd zu besitzen. Im Grunde hat man nicht die Pferde, sondern die Besitzer verloren." Aber hier sieht der Freiherr einen Trend nach oben: "Die Zuschauerzahlen gehen nach oben. Und wenn 1000 Leute mehr auf die Bahn kommen, dann ist es eher möglich, dass der eine oder andere einmal zum Besitzerkreis hinzustößt, als wenn 1000 Zuschauer weniger kommen. Am Ende des Tages kostet jedes Hobby Geld, jede Leidenschaft. Meist ist der Spaßfaktor entscheidend. Dies ist auf den Rennsport umgemünzt, in den letzten Jahren leider nicht mehr so angekommen."

"Man braucht die nötige Munition"

Zu dem Vorurteil und der der landläufigen Meinung, dass Christian von der Recke ein Trainer sei, der überwiegend die kleinen Bahnen im Auge habe, was de facto allerdings stimmt, möchte er noch einmal seine grundsätzlich Einstellung zum Ausdruck bringen. Er legt Wert auf die Tatsache, dass nur er dorthin fahre, weil es woanders mit dem Pferd oder den Pferden nicht gehe, ein Rennen zu gewinnen. "Wenn ich Platzpatronen habe, kann ich doch nicht auf die große Jagd gehen. Ist die richtige Munition vorhanden, bin ich durchaus auch ein risikofreudiger Trainer und sattele Pferde in bedeuteren und lukrativen Aufgaben. Auch bei mir liegt es in der Natur der Sache, dass ich den größtmöglichen Erfolg möchte." Dass er ein Meister des Managements ist, dokumentieren seine vier Championate auf der Flachen. Da gewannen seine Pferde in Honzrath & Co. wie auch in Black Type-Rennen in Köln, Düsseldorf oder Baden-Baden. Auch dass er nicht so häufig wie seine Kollegen nach Frankreich reist, hat seine Gründe. "Ich reise oft ins belgische Mons oder auch nach Ostende. In Frankreich ist es deutlich schwerer, und unter dem Strich ist es doch etwas anderes, 6.000 Euro in Mons zu schnappen, als in Frankreich für 10.000 hinterher zu laufen." Leuchtet ein.

Die letzten Gäste der Vernissage haben die noblen Räume verlassen. Auch wir kommen zum Schluss, schließlich rufen die Rennen zum zweiten Meetingstag an der Oos. Eine angesichts der diesjährigen Lage etwas mutige Frage, ob sich Christian von der Recke vorstellen könne, irgendwann einmal wieder im Championatskampf der Trainer mitzumischen? "Eine, wenn überhaupt, knapp handvolle Zahl von Trainern in Deutschland trainiert um die 100 Pferde, verfügt somit über einen erheblichen Vorsprung. Unter diesen wird das Championat entschieden." Wird wohl so sein. Doch eines steht auch fest: Wer 16 Championate und rund 1800 Rennen gewonnen hat, der braucht nicht mehr beweisen, dass er etwas von der Materie versteht. Doch auch über die Dörfer zu fahren, um Champion zu werden, dies dürfte ihn irgendwann sicherlich dann doch wieder reizen.

(08.09.2014)