Presseartikel Kölner Rundschau 

Von Marc Bädorf

Noch ein Sieg, dann ist sie ein Jockey
Rebecca Danz reitet für den Weilerswister Rennstall von Christian von der Recke

Der Trainingsalltag von Rebecca Danz ist hart, der Sport ist gefährlich. Vor einem halben Jahr wird Danz bei einem Rennen abgeworfen und von einem anderen Pferd erfasst. Es geht ihr nicht um den Ruhm, sondern um das Adrenalin, den Kick.

Ein Knall. Die Boxen gehen auf. Das Publikum schreit auf, zehn Pferde stürmen auf die Rennbahn. Ihre Flanken prallen gegeneinander, die Hufe donnern auf den Boden. Sand spritzt auf. Rebecca Danz mittendrin. Auf Earl of Heaven, einem dreijährigen Hengst. Er hat noch nie ein Rennen gewonnen. Auch heute – beim Winterrennen in Dortmund – sehen die Buchmacher ihn nicht als Favoriten.

Die grüne Jacke von Rebecca Danz schimmert durch den Nebel, nach der ersten Runde ist sie Sechste. Es sieht schlecht aus. Plötzlich explodiert Earl of Heaven. Sein Kopf zäumt sich kurz auf, seine Brustmuskeln zeichnen sich unter dem braunen Fell ab. Es sind noch 300 Meter. Earl of Heaven ist Vierter. Rebecca Danz gibt ihm einen kurzen Peitschenhieb. Earl of Heaven schnaubt. Er überholt den Vierten. Noch 200 Meter. Er überholt den Dritten. Noch 100 Meter. Earl of Heaven zieht mit dem Führenden gleich. Noch 50 Meter. Earl of Heaven überholt den Ersten. Er gewinnt das Rennen. Das Publikum johlt, Rebecca Danz strahlt. Schon zum 49. Mal wird ihrem Pferd der Siegerkranz über den Kopf gezogen. Doch dieser Sieg ist ein Besonderer für Rebecca Danz.

Ein halbes Jahr zuvor, an einem Julitag: Es ist warm, die Sonne scheint. Manche Zuschauer auf der Tribüne im hessischen Erbach wischen sich mit Taschentüchern die Schweißtropfen von der Stirn. Rebecca Danz ist für mehrere Rennen gebucht, es geht gut los. Im ersten Rennen liegt sie wenige hundert Meter vor dem Ziel in Führung, alles sieht nach einem Sieg aus. Dann geht ihr Pferd plötzlich vorne runter, Rebecca Danz rutscht aus dem Sattel, knallt auf den Boden. Zwei Reiter weichen ihr noch aus, der dritte erwischt sie. Rebecca Danz überschlägt sich, wirbelt durch die Luft. Auf der Tribüne ist es still. Sie wird direkt ins Krankenhaus gebracht. Ihr Bein ist gebrochen. Die Ärzte setzen ihr Nägel in der Länge ihres Ringfingers ein. Ans Aufhören denkt sie keine Sekunde.

Irgendwie war es schon vor ihrer Geburt in Magdeburg, kurz vor der Wende 1989, klar, dass Rebecca Danz später etwas mit Pferden machen würde. Ihre Mutter ist Züchterin im Osten. Mit fünf Jahren sitzt Rebecca Danz das erste Mal auf einem Pferd. Nie bekommt sie Reitunterricht, alles bringt sie sich selber bei. Als sie zur Grundschule geht, ist sie fest entschlossen, später einmal Tierärztin zu werden. Das ändert sich, als sie das erste Mal auf einer Rennbahn steht. Rennreiter ist kein Beruf, den man aus finanziellen Gründen macht. Es ist harte Arbeit, schwere Verletzungen gehören zum Alltag. Die Reiter bekommen 45 Euro pro Ritt, dazu einen Anteil der Siegprämie. Rennreiter wird man aus Leidenschaft. Rebecca Danz lernt drei Jahre bei Peter Rau in Warendorf in der Nähe von Münster. 2008 reitet sie ihr erstes Rennen, wird Zehnte. Damals heißt sie noch Rebecca Schumacher, ist 19 Jahre alt. Selbstbewusstsein hat sie genug. Eine Woche nach ihrem ersten Rennen ruft sie Thorsten Danz und Volker Röhrig an. Sie würde gerne Almano reiten. Wie viele Rennen sie denn schon geritten sei, fragten Danz und Röhrig. Eins, antwortete sie. "Von so viel Mut war ich platt", erinnert sich Thorsten Danz. Rebecca Danz darf Almano in Saarbrücken reiten. Sie gewinnt, in ihrem zweiten Rennen. Es ist auch der Beginn einer Liebesgeschichte. 2012 heiratet Rebecca Thorsten Danz.

Es ist 5.30 Uhr an einem Märztag in Weilerswist. Rebecca Danz beginnt mit ihrer Arbeit. Sie ist im Rennstall von Freiherr Christian von der Recke angestellt. Ihre Wohnung hat sie direkt neben dem Stall. Es ist ruhig, selbst die Pferde wiehern nicht. So sind nur die Schritte von Rebecca Danz zu hören. Schnell, energisch. Sie ist klein, vielleicht 1,50 Meter. Größer nicht. 50 Kilo wiegt sie, das ist ziemlich leicht für einen Reiter. Manche ihrer Kollegen – vor allem die Männer – müssen hart um ihr Gewicht kämpfen, essen kaum etwas, gehen jeden Tag in die Sauna. Rebecca Danz läuft jeden Tag. Wenn sie in den Supermarkt nach Weilerswist muss, zieht sie sich einen Rucksack und die Laufschuhe an. Jeden Tag reitet sie fünf Pferde, die Reihenfolge hängt auf einer Tafel im Stall. Bei Rebecca Danz steht dort heute unter anderem Petite Paradise. Hellbraunes Fell, noch ziemlich jung. Gewonnen hat er noch nichts. Rebecca Danz wirft ihm eine schwarze Decke über, sattelt ihn, dann geht es los. Auf die Rennbahn des Stalls, hinter den Gehöften, 1600 Meter lang, an einigen Stellen mit einer Steigung. Hier sollen die Pferden richtig arbeiten. Langsam wird es hell. Rebecca Danz treibt Petite Paradise an. Am Rand steht Trainer Freiherr Christian von der Recke. Von der Recke stammt aus einer thüringischen Adelsfamilie, seit Jahren ist er Trainer in seinem eigenen Stall in Weilerswist.

Die Sonne blendet seine Augen etwas. Er trägt eine blaue Krawatte mit kleinen braunen Pferden, zermalmt einen Strohhalm zwischen seinen Zähnen. Er schätzt die Pferde ein. Auch aus 100 Metern muss er sehen, wie es ihnen geht. Christian von der Recke ist gut darin. Im Mittelgang seines Stalls hängen 17 Plaketten. 17 Mal hat der Rennstall das Deutsche Championat errungen, die deutsche Meisterschaft des Pferderennsports. Nur das Derby, das einmal jährlich stattfindende, wichtigste deutsche Rennen, das fehlt ihm noch.

Mehrere Zehntausend Zuschauer sitzen bei solchen Events auf der Tribüne, die Wetteinsätze gehen in die Hunderttausende. Dennoch ist der Pferderennsport in Deutschland nur eine Randsportart. "In Großbritannien, Frankreich oder Asien – da ist das noch ein richtiges Highlight. Hier nicht mehr", sagt von der Recke.

In diesen Ländern sind die Jockeys auch noch Stars. In Deutschland nicht, Rebecca Danz spritzt Petite Paradise selber mit einem Schlauch die Hufe sauber. Ihr geht es nicht um den Ruhm, sondern um das Adrenalin, um den Kick. Und darum, endlich den 50. Sieg zu feiern. Dann darf sie sich endlich Jockey nennen, ihr Traum, seitdem sie zum ersten Mal auf einem Pferd gesessen hat.

In Katar ein Star

Rebecca Danz gewinnt in jedem Jahr Rennen in zweistelliger Anzahl, zählt zu den 25 besten Reitern Deutschlands. Und das als Frau. Der Rennreiter-Beruf ist eigentlich eine typische Männerdomäne. Das fällt auf.

Im Jahr 2013 reitet sie in Baden-Baden für den katarischen Stall Al Jeryan Stud. Rebecca Danz gewinnt, ansonsten ist es ein ganz normales Rennen. Der Julitag beibt ihr wegen etwas anderem im Gedächtnis. Nach dem Rennen kommt man auf sie zu, will sie nach Katar holen.

Katar ist eine in den Pferdesport vernarrte Nation. Jeder, der etwas auf sich hält, besitzt ein Pferd. Die Herrschaftsfamilie investiert jedes Jahr mehrere Hundert Millionen Pedrodollar in den Pferdesport. Rebecca Danz soll die erste Reiterin in Katar werden. So ein Angebot bekommt man nur einmal, sie kann nicht ablehnen. Im Sommer 2013 packt sie ihre Sachen, fliegt nach Katar. Sie wird oft gebucht, dann reitet sie über die Sandbahnen, der Schlamm spritzt ihr ins Gesicht, auf der Tribüne brüllen katarisch Männer in makellosen weißen Gewändern.

Sie gewinnt dreimal in Katar, reitet auch Marathonrennen, über 120 Kilometer bei 40 Grad durch die katarische Wüste. In Katar ist Rebecca Danz ein Star. Die Rennreiterin wird auf der Straße von den Menschen erkannt, wird von Fernsehsendern interviewt. Dennoch geht sie zurück nach Deutschland.

(17.04.2015)